Ausflug nach Prypijat

Vorwort

Am 26.04.1986 ist Prypjat eine Stadt voller Leben und in Vorfreude auf den 1. Mai Feiertag. In Prypjat wohnen zu der Zeit ca. 50.000 Menschen wovon allein ca. 15.000 Kinder sind. Die Stadt ist zu der Zeit eine der jüngsten Vorzeigestädte der Sowjetunion. Das Kernkraftwerk W.I. Lenin war neben den angenehmen Dingen die die Stadt noch zu bieten hatte einer der Hauptgründe warum sich gerade junge Familien mit ihren Kindern hier niederließen. Am 26.04.1986 sollte ein simulierter Stromausfall im Testverfahren sicherstellen, dass der Reaktor 4 sich selbstständig abschaltet. Gegen 01:30 explodierte Reaktor 4 auf Grund eines unkontrollierten Leistungsanstiegs und führte zu einer der schwersten  atomaren Katastrophen. Direkt betroffen davon war Prypjat. Die Stadt liegt ca. 3 km direkt neben dem Werk. Durch die entsprechende Windrichtung zog diese radioaktive Wolke sofort über die Stadt. Leider wurde die Stadt erst über 1 Tag später evakuiert und die Bevölkerung bis dahin im Dunkeln gelassen. Die Zeit von nur ein wenig mehr wie einem Tag reichte aus, um schwerwiegende gesundheitliche Spätfolgen für die Bevölkerung hervorzurufen.
28 Jahre später, kann man die Region um Prypjat und dem Atomkraftwerk, unter bestimmten Auflagen, besuchen. Der aktuelle Strahlungswert liegt in der Stadt um ein 5 Faches höher im Vergleich zu einer normalen Großstadt. Neben der allgemeinen Strahlenbelastung gibt es aber immer noch so genannte Hotspots die mit mehr als dem 100 fachen Wert langfristig ihr Umfeld schädigen. Prypjat ist heute eine Geisterstadt die von der Natur zurückerobert wurde. Wildschweine, Wölfe und wilde Pferde leben auf den Gebiet  auf dem sich zwischen den Gebäuden neue Wälder gewachsen sind.


Genug der Fakten.

Anreise

Im Flugzeug neben mir saß ein junger Mann aus Karlsruhe. Er ist gebürtiger Ukrainer und in Kiew geboren. Jedes Jahr fliegt er zu seinen Großeltern und macht ein paar Wochen Urlaub bei ihnen. Dass wir beide Flugangst hatten merkten wir sofort. Er rieb sich ständig die schweißnassen Hände an seiner Hose ab und ich krallte mich, wie immer, an meinen Armlehnen fest. Es ist schon witzig, wenn man erwachsenen Männern dabei zusieht mit welchen Methoden sie sich ihrer Angst stellen. Aber unsere gemeinsame Schwäche hat zumindest dazu geführt, dass wir uns miteinander unterhalten haben. Er erzählte mir die Story von seiner Herkunft und seinen Großeltern und ich erzählte von unserem Ziel „Prypjat“. Ukrainer haben eine empfindliche Stelle, sowie Siegfried auf Grunde des Lindenblatts eine nach dem Bad im Drachenblut hatte. Diese Stelle heißt „Prypjat“ und äußert sich in nicht klar einzuordnenden Gesichtszügen. „keiner geht dahin“, „was will man da?“, „hör auf weiter zu erzählen“ oder auch „zeig bitte keine Bilder mehr“ waren nur ein paar Reaktionen, die ich bei einigen Gesprächen mit Leuten, die man unterwegs so trifft, erhielt.

Mein Gesprächspartner im Flugzeug erzählte mir von Tagen an denen er mit seiner Familie zum Angeln an den  Stausee von Prypijat gefahren ist. „Es war eine wunderschöne Gegend“ sagte er.
Durch das Gespräch war die Flugangst zum Glück nebensächlich geworden.
Nach der Landung in Kiew ging wieder jeder seinen Weg.

Nach einer, trotz genauem Einlesen, teuren Taxifahrt zum Hostel (20€ statt 8€) kamen wir endlich in Kiew an. Wer ist „wir“ fragt ihr euch jetzt?


„Wir“ waren zu dritt. Einer kam aus München und „wir“ aus Dortmund.

„Wir“ wollten eine Foto-Tour nach Prypjat respektive Tschernobyl unternehmen. Wir hatten uns ein Hostel vorab gebucht und dann diesen Ort als gemeinsamen Treffpunkt ausgemacht. Shared Rooms sind auf Grund der Kameraausrüstung nicht immer mein Fall, aber in der jetzigen Situation konnten wir gut zu dritt ein Vierbettzimmer belegen. Somit durften „wir“ das Zimmer abschließen. Mit ca. 15,00 € pro Nacht direkt am Independence Square ist das durchaus eine feine Sache.

Da wir nun komplett und bereits ein wenig aufgeregt waren, was uns denn in Prypjat erwarten würde, sollte eine Runde „local Beer“ her.

Ich kann es mir nicht anders erklären, aber sobald ich eine rauchfreie Zone verlasse hat mein Körper das Gefühl sich eine Zigarette anzünden zu müssen. Meinem Körper folgend zündete ich, nachdem wir einen sehr skurrilen Fahrstuhl bezwungen haben uns nach unten zu befördern, schematische meine Zigarette an und ca. 10 Meter weiter, also kaum das wir das Gebäude verlassen hatten, hörten wir leise, aber bestimmt die Worte: „Stop, Police“. „Hmmm“ denkt man sich dann erstmal. Das Internet hat einen ja schlau gemacht und mit dieser Waffe namens „Google“ ausgerüstet betritt man nun die Straßen der Ukraine, aber dummerweise ohne Pass, den genau diese treuen Gesetzeshelfer nun kontrollieren wollten. Leider hatten zwei von dreien diesen eben nicht mit sich geführt. Nach kurzer Ansage, wie viel diese „Straftat“ kosten sollte fiel den werten Herren auf, dass meine Zigarette auf dem Independence Square zu einer weiteren Straftat führte.

Korrupte Polizisten kenne ich mittlerweile aus vielen Ländern und Onkel Google hatte mich auch in der Ukraine davor gewarnt. Mit den beiden hätte man auch ein Video drehen können, denn sie erfüllten jegliche Klischees und somit eine perfekte Rolle aus. Ein bisschen angenervt, weil das „local Beer“ plötzlich weit entfernt schien, die Summe aller Straftaten auf Schlappe 110,00 € gestiegen war und die beiden Ihre Rolle wirklich gut spielten, musste dann endlich eine Lösung her. Wir entschieden uns erst für die „Tourist Police“ oder „Embassy“ Nummer allerdings zeigte diese keine Wirkung. Da nur einer von uns seinen Pass dabei hatte und wir auch noch die „non smoking-zone“ verletzt hatte und wir uns weigerten zu zahlen, wollten die guten Herren uns nun mit auf die Wache nehmen. Durch ein wenig zureden durfte einer von uns die noch fehlenden Pässe aus dem Hostel holen. Die Idee, die Rezeptionsdame mitzubringen stellte sich als sehr gut heraus. Sie regelte innerhalb kurzer Zeit die Sache. „Schwein gehabt“

Zurück zum Vorhaben „local beer“

Ich liebe die Gesichter von Einheimischen, wenn man Heineken verschmäht und lieber „local Beer“ bestellt. In der Ukraine ist das mit der englischen Sprache so eine Sache, aber nach kurzen Erklärungen untermalt mit viel Gestik und meinem russischen Halbwissen aus der Schule bekamen wir endlich unser Bier, komischerweise in einer 24/7 Sushibar.

3 Bier später lagen wir fertig, von dem ersten Tag im Bett auf der Suche nach Schlaf für unseren morgigen Trip zum Platz 1 der gefährlichsten Orte der Welt.

 

Ab in die Zone

Der Wecker schellte gegen 07:00 Uhr. Unser Fahrer und der Führer erwarteten uns gegen 08:00 Uhr vor dem Hostel. Von hier aus sollte unsere Tour beginnen.

Nachdem jeder einmal durch das sehr kleine Badezimmer gehuscht ist und wir unsere Sachen zusammen gepackt hatten ging es auch schon los. Auf dem Maidan wie der Independence Square auch heisst herrschte schon reges treiben um diese Uhrzeit. Wir besorgten uns zum Frühstück und für die Fahrt jeder noch etwas zu Essen. Hier gibt es allerhand leckeres Zeug am Rand des Platzes. Neben den Klassikern wie McDonalds oder der SushiBar von gestern Abend stehen aber auch vereinzelt Frauen oder Männer in Buden oder einfach nur mit einem Holzkarren da und verkaufen, neben Kaffee und Tee, Teigtaschen mit Hackfleisch oder andere Snacks.

Nachdem kurzen Einkauf der Wegzehrung machten wir uns auf zum vereinbarten Treffpunkt. Es dauerte nur kurze Zeit und wie versprochen waren die beiden da und packten uns ein. Nach kurzer Vorstellungsrunde ergab sich für uns die Möglichkeit Geigerzähler zu leihen welche wir auch sofort ergriffen.

Das Auto setzte sich in Bewegung und fuhr aus der Stadtmitte direkt in Richtung Norden vorbei an alten Industrieruinen und prunkvollen Gebäuden die an eine Zeit erinnerten die wohl besser gewesen sein muss als die gegenwärtige. Der Wechsel von Großstadt zur Landidylle ging schnell und so fuhren wir die guten 120 km vorbei an großen Steppen, endlosen Wäldern, Flüssen, Seen und kleinen Dörfern. Ich erinnerte mich an die Worte meines Sitznachbarn. Man kann nur erahnen wie es hier im Sommer aussieht wenn nur schon allein der Herbst mit dem trüben Wetter die Landschaft schön wirken lässt.

Unser Führer erklärte uns, dass wir 30 km vor Tschernobyl auf eine Grenze treffen die das Sperrgebiet umgibt und wir unsere Papiere bereithalten sollen. Die notwendigen Papiere erhält man relativ einfach durch den Führer der auch die Anmeldung für einen übernimmt. Die Grenze, oder eher die Absperrung, war so wie man es sich vorstellt. Polizei, eine Baracke und ein Schlagbaum. Um durch die Grenze zu gelangen muss man das Auto verlassen und zur Anmeldung bis zur Baracke laufen. Hier muss man nun seine Papiere zeigen, sich grimmig angucken lassen und kann dann passieren. Es sollten noch zwei weitere Posten kommen jeweils im Abstand von 10 km bis an Prypjat heran.

 

Seit dem Start der Fahrt aus Kiew betrachte ich ab und an meinen Geigerzähler der immer wieder vor sich hin krächzt. Bis hierhin ist keine hohe Strahlung zu erkennen. Großstädte wie Kiew haben eine permanente Strahlung in der Luft von ca. 0,15 Mycro Sievert. Diesen Wert haben wir bis hierhin zu keinem Zeitpunkt überschritten. Fliegt man mit dem Flugzeug ist man ab einer bestimmten Höhe einer permanenten Strahlung von 2-3 Mycro Sievert ausgesetzt. Zurück im Fahrzeug setzten wir unseren Weg nach Tschernobyl fort. Tschernobyl ist eine Stadt direkt neben dem Atomkraftwerk W.I. Lenin. Hier leben heute immer noch Menschen die im Werk arbeiten. In der Stadt angekommen, hielten wir für einige Minuten. Wir nutzten diese Chance, checkten zur Beruhigung kurz die Geigerzähler und verließen mit unseren Kameras das Auto um ein paar erste Aufnahmen in der Stadt zu machen. Hier findet sich neben einem Mahnmal, welches alle Dörfer auf Schildern zeigt die im Zuge der Katastrophe evakuiert worden sind, auch ein Bild an der Wand das imperialistisch zeigt wie stolz die damaligen Russen auf dieses Werk gewesen sind. Die trübe Herbststimmung die über der Stadt liegt und die Nähe zum Werk wirken unbehaglich.  

Wir steigen wieder ins Fahrzeug und fahren nun Richtung Prypijat. Unterwegs lag auf der rechten Seite das Werk wo zu der Zeit der neue Sarkophag gebaut wird. Die Geigerzähler zeigt leichte Ausschläge. Am Werk vorbei geht es nun auf einer Landstrasse Richtung Norden wo auf der linken und teilweise rechten Seite der rote Wald erscheint. Man sagt, dass die Farbe von der hohen Schwermetallbelastung kommt da der Wald direkt in der Wolke lag die beim Unglück nach Norden zog. Dieser Sachstand ist heute noch stark zu merken. Selbst im Auto schlug beim durchqueren des Waldes der Geigerzähler erstmalig hoch auf teilweise über 6 Mycro Sievert aus und piepte dauerhaft. Geigerzähler sind erträglich solange sie nicht 0,8 Mycro Sievert übersteigen. Dann hört man nur noch einen Dauerpiepton und sollte diesen Ort direkt verlassen. 

Vor uns lag nun das Ortseingangsschild von Prypijat. Nach einem kurzen Halt für ein Erinnerungsbild fahren wir jetzt direkt in die Stadt und durch die letzte Sperre.

Auffallend ist, dass die Natur hier nicht wie erwartet ebenfalls Tod ist sondern bereits ganze Arbeit geleistet hat. Die Stadt ist komplett eingewachsen von hohen Bäumen und Sträuchern. Nichts lässt erkennen, dass hier einmal 50000 Menschen gewohnt haben und auf Strassen gefahren und auf Bürgersteigen gelaufen sind. Davon ist nichts mehr zu erkennen. Alles wirkt surreal.

Während der Besichtigung hört man nichts außer ab und an mal einen Raben und das Singen der alten Stromleitungen wenn der Wind sie zum Klingen  bringt. Zurückgelassene Gegenstände ehemaliger Einwohner sowie die allgemeine Stimmung, passend zur Vergangenheit, geben dem Besucher permanent ein unbehagliches Gefühl auf seiner Reise durch die Vergangenheit. Unter Führung lassen sich bestimmte Gebäude wie Kindergarten, Krankhaus, Universität und die Wohnblöcke besuchen. Sie geben einen Eindruck wie die Stadt damals ausgesehen haben muss. Beim Durchlaufen der Häuser bemerkt man immer wieder, dass hier Menschen auch nach dem Unfall noch versucht haben ihr Hab und Gut zu sichern. Diese teilweise stark verstrahlten Gegenstände stehen nun irgendwo in der Ukraine und sonst wo in der Welt in einem Haus. In den Wohnblöcken kann sich ein Bild davon machen wie plötzlich die Menschen die Stadt verlassen mussten. Der panische Aufbruch ist gerade in den Fluren noch stark zu sehen.

Sehr beeindruckend war die Universität mit der Musikhalle und dem Schwimmbad sowie die Kirmes die noch so aufgebaut da steht wie sie damals zurückgelassen worden ist. Nur der Zahn der Zeit hat deutliche Spuren hinterlassen. 

Eine solche Reise zeigt einem auf eine sehr harte Art und Weise, welche Risiken die Energiegewinnung aus Atomkraft mit sich bringen kann.

Impressionen aus Kiew

Nach dem Trip in die Zone verbrachten wir den Abend in einem Pub und tranken mit jungen Ukrainern eine Runde Bier und sangen gemeinsam patriotische Lieder :-)

Da Kiew eine Menge zu bieten hat, haben wir uns entschlossen einen weiteren Tag in Kiew zu verbringen und in Bildern festzuhalten.

 

Neben dem Maidan und der beeindruckenden UBahn wirken viele Gebäude in Kiew Kolossal. Die Bauweise und die Bauform der Gebäude erinnern stark an eine futuristische Stadt aus Warhammer 40000.  

Die prachtvollen Klöster und die teilweise heruntergekommenen Wohngebäude mischen das Bild zu etwas surrealen. Dennoch ist Kiew auf jeden Fall eine Reise Wert. Sehr fotogen gefüllt mit sehr freundlichen Menschen.

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